Mein Goldcanyon

Zwischendurch muss man sich auch mal wegträumen … z.B. in den „Goldcanyon“.

Die gleichnamige Goldgräbergeschichte von Jack London beginnt mit den Worten: „Es war das grüne Herz des Canyons, wo die senkrecht emporragenden Felswände plötzlich zur Seite wichen …“ Und dann folgen fast drei Seiten feinster romantischer Naturbeschreibung. Ein TV-Beitrag um den Jahreswechsel über den schreibenden Abenteurer erinnerte mich an die Geschichte und an meinen persönlichen Goldcanyon, den ich vor 35 Sommern bei einem meiner ersten Besuche im Sandstein kennen lernen durfte.
In Ermangelung eines weltweiten Netzes wurde unsere kleine Seilschaft, wie es sein sollte, von einer ortskundigen Kletterfreundin geführt. Am letzten Haus Wasser fassen, in den Wald, hinauf und dahin. Dann noch steiler und auf die Felswand zu. Na klar, wir wollten ja zu einer Boofe, aber hier? Die Wand ging oben in in den Himmel, unten in die Erde und davor kein Meter ebener Boden. Und der Pfad war hier zu Ende.

Doch nein, im letzten Winkel, man erkannte es erst, wenn man direkt davor stand, war der Fels gespalten und mit seitlich schleifenden Rucksäcken ging es nun noch etwas steiler hinauf. Über einen Kletterblock, auf breiter werdendem Pfad zur höchsten Stelle und von da weniger steil wieder hinab in das versteckte Wunschtal. Wenige Schritte und dann sah ich:

„… das grüne Herz des Canyons, wo die senkrecht emporragenden Felswände plötzlich zur Seite wichen …“

Nun, nicht ganz so wie im Buch, aber doch traumhaft schön. Das kleine Hängetal war gefüllt mit luftig verteilten Birken und Fichten im Weihnachtsbaumformat. Ein leise murmelnder Bachlauf fehlt leider, aber ein grüner Grasteppich war für uns ausgelegt, umschlossen von den hier zu einem Felskessel geformten Wänden. Talseitig endete die Idylle am senkrechten Abbruch, bergseitig traten die Wände wieder näher zusammen und bildeten so einen heimeligen Ort in dessen ungefährer Mitte auf etwas erhöhtem Terrassenplatz eine wohlüberdachte Boofe auf uns wartete. Windgeschützt, über uns die von der untergehenden Sonne vergoldeten Wände, mit Blick über den zart begrünten Vorgarten hinaus in die Weite, die Hände am Feuer wärmend, während man auf das Kaffeewasser wartet – was kann es schöneres geben? Selbst wenns eigentlich an diesen Ostertagen noch ganz schön kalt war. Nächsten Früh kam von oben, die Büchse über der Schulter, den Dackel zur Seite, ein Grünrock vorbei. Grüßte freundlich und hatte wohl auch mildes Verständnis für unser kleines gepflegtes Indianerfeuer. Meine trotzdem mit entschuldigendem Ton vorgebrachte Bemerkung „Ganz schön kalt heute.“ Beantwortete er mit „Ja ja, Minus 4°“ Aha, deshalb war also Eis auf den Wasserresten im Kochtopf gewesen 🙂      Ach nee, war das schön damals, in der schönsten Boofe der Welt!

Wer nun das Tal erkannt hat behalte sein Wissen bitte für sich.

Denn:

  1. Würde statt des Försters heute ein Ranger vorbeikommen, der wohl auch noch freundlich grüßen, aber uns dann gleich, nicht nur für das Feuer, sondern schon für die blosse Anwesenheit eine Gernzonengebühr abforderte.

Und:

  1. Sind die Weihnachtsbäumchen nun auch 35 Jahre älter und zu einem dichten, fast undurchdringlichen Düsterwald zusammengewachsen, statt grünem Gras gibt’s braunen Waldboden, der freie Blick ist hin, die Abendsonne sieht man auch nicht mehr und in der Boofe liegen geschmolzene Glasscherben

Also – lasst es bleiben – es lohnt heute nicht mehr – ich habs geprüft – besucht andere, genau so schöne Orte, die es zum Glück zahlreich im Sandstein zu finden gibt.

Und lest mal Jack Londons „Goldcanyon“, meist nur mit anderen Kurzgeschichten zu kaufen, die aber sicher auch nicht dümmer machen.


4 Gedanken zu “Mein Goldcanyon

  1. Super, dann ist es ja wirklich sehr versteckt 🙂
    …..außerdem wahr früher ohnehin alles besser: Die Bäumchen , der Lichteinfall, das noch grünere Gras, verständnisvoller Förster mit Flinte und Kampfhund bewaffnet. Die Zeit schafft aber auch neue schöne Refugien und heilt sowieso alles Übel und läßt nur das Gute zurück. 😉

    • … so solls ja auch sein, hihi, aber falls du erraten kannst, welche Teilmotive in den Illustrationen enthalten sind, das wäre schon was … denn natürlich konnte ich vom „Wunschtal“ kein echtes Bild verwenden – und hatte auch keines.

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