Der Nationalparkgedanke ist überholt!

Kein Durchkommen mehr

Wenn man sich das Gebiet, von dem hier im Blogeintrag zuvor berichtet wurde, eine Woche später noch einmal anschaut, dann fällt einem zunächst folgendes auf: Der Verbindungsweg zwischen Lindengründel und Brückengrund, der vom Harvester massiv zerstört wurde, ist nun überhaupt nicht mehr zu sehen. Nachdem der Harvester abgezogen ist, sind die Holzfäller mit den Motorsägen am Hang aktiv gewesen und haben die Bäume auf den Weg fallen lassen. Wo man sich also eine Woche zuvor nur durch tiefe Harvesterfurchen kämpfen musste, darf man nun über gefallene Fichten klettern und an den Hängen bergan steigen, um überhaupt weiter zu kommen.

Der Bericht, der an die Medien und Naturschutzverbände verschickt und dort auch zum Teil ausführlich behandelt wurde, hat die Nationalparkverwaltung mächtig verärgert. Wir hören, dass es intern bei weitem keinen Konsens gibt, wie man der Lage Herr werden soll. Offenbar hat man sich weitestgehend darauf verständigt, die Sache totzuschweigen und zu warten, bis im sprichwörtlichen Sinne Gras darüber gewachsen ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass man eine Thematik, die die Grundfeste des Nationalparks angreift, auf die lange Bank zu schieben versucht und der offenen Diskussion ausweicht. Bis dato gibt es keine offizielle Stellungnahme der Nationalparkverwaltung (NPV) auf die an sie gerichteten Vorwürfe, lediglich Einzeläußerungen des Pressesprechers Hanspeter Mayr auf Drängen der Medienvertreter. Dies ist der Thematik nicht angemessen.

Versteckte Reste des Sandsteinblocks

Doch zurück in die Natur. Schwerer Fichtenduft liegt im Tal, der zerstörte Sandsteinblock liegt unter dicken Zweigen versteckt, als müsste er dem gemeinen Wanderer verheimlicht werden. In der Nähe des Brückengrundes sind die Holzstapel schon auf mehr als 100 Meter angewachsen. Ein Bild, dass sich dem Wanderer in den Kopf setzt und nicht mehr so schnell verschwinden mag. Im Hintergrund lauert der Harvester wie ein Menetekel der Macht, am anderen Ende des Weges, wo vormals der offene Dieselkanister lag, wartet der Forwarder auf den Abtransport der Stämme aus dem schwer zugänglichen Gelände.

Kein Ende in Sicht

Von weitem weist uns der grüne Pfeil vor grauem Hintergrund zum Bergpfad Lindengründel. Kernzonenschilder künden vom geschützten Gelände, in dem die Natur sich selbst überlassen sein soll. Hier erkennen wir, was die NPV so gern verschweigt: Baumfällungen rechts des Bergpfades in Richtung Luchsstein – eindeutig auf dem Gelände der Kernzone. Mindestens sechs große Fichten wurden in der Kernzone entnommen – in den Medien wurde dies von Seiten des Pressesprechers ausdrücklich dementiert. Die Bilder, die diesem Beitrag beigefügt sind, sprechen für sich.

Einstieg Lindengründel

Gefällte Bäume in der Kernzone

Was sich im Nationalpark Sächsische Schweiz momentan abspielt, möchte man auch mit dem Abstand von einer Woche noch nicht so richtig fassen. Das Vertrauen in eine Behörde, die sich dem Naturschutz zu verpflichten hat, sinkt an allen Ecken und Enden – die Vorschusslorbeeren sind schon lange verbraucht. Nach unzähligen Gesprächen, die man hier bei uns auf Sandsteinwandern.de, aber auch am vergangenen Wochenende in der Natur geführt hat, sind alle Illusionen verschwunden. Die, die als strenge Verteidiger des Nationalparkgedankens galten, legen ihre Stirn in Falten und beginnen zu grübeln. Welchen Sinn macht ein Nationalpark, wenn er nicht die Natur vor wirtschaftlicher Vereinnahmung schützt? Warum brauchen wir ein Konstrukt, dass nur die Gehälter einiger Weniger sichert, aber der Natur keinen Nutzen bringt? Was wäre, wenn es in der Sächsischen Schweiz keinen Nationalpark gäbe? Wie viele Touristen kommen allein, weil der Stempel „Nationalpark“ über dem Wald liegt? Ist eine Idee, deren Zeit Ende der 80er, Anfang der 90er gekommen war und die nun überholt scheint, nicht auch dazu da, immer wieder neu zum Nachdenken darüber anzuregen, ob nicht eine neue Zeit gekommen ist? Und sollte man nicht ehrlich darüber reden, dass dieser Natur- und Kulturraum einfach nicht für einen Nationalpark geschaffen ist? Man sollte!

Christian Helfricht
IG Stiegen- und Wanderfreunde


5 Gedanken zu “Der Nationalparkgedanke ist überholt!

  1. Was ist das denn jetzt? Ranger sollen mit den Besuchern ins Gespräch kommen, statt Strafen zu verhängen. Eine Zumutung!

    Ich wünschte, NPV-Mitarbeiter und Wanderer würden auf gleicher Augenhöhe verkehren, in gegenseitigem Respekt mit beidseitigem Mut und Willen zur Toleranz.

    Mit viel Glück gibt es das selbst in Sachsens Nationalpark. Auf dem Gr*weg lief ich diesen Sommer einem Ranger in die Arme. Es endete trotzdem mit einem netten Gespräch und ohne Ordnungsgeld.

  2. Ich bin immer noch der Meinung, daß ein Naturpark (wie im Zittauer Gebirge für „fast“ alle Seiten positiv praktiziert wird) besser währe als ein Nationalpark mit seinen strengen Regeln. Doch man wird den einzigen Nationalpark auf sächsischen Boden niemals abschaffen. Lieber nimmt man die Zerstörung der gewachsenen Natur- und Kulturlandschaft in Kauf. Wir können nur für uns selbst die kleinen historischen Wege gehen, können hier und da „arbeiten“, aber retten werden wir dadurch die Landschaft nicht.

  3. Zunächst: es gibt keine wirklich verbindliche Definition dafür, was denn nun ein Nationalpark ist. Und so kann sich jedes Land, jede Regierung, ein paar Äcker rausgreifen und zum Nationalpark erklären. Ganz dem politischen Ehrgeiz geschuldet, dass denn auch wirklich jeder seinen Nationalpark hat. Unser spezieller Nationalpark hier ist damals aus der schieren Angst heraus entstanden. Der Angst vor den ach so lieben Investoren, die hast du nicht gesehen den ganzen Sandstein mit Erlebnisparks, Golfplätzen und Wellnesshotels zugebaut hätten. Eine durchaus nicht unbegründete Angst. Nur hätte es sicher auch andere Möglichkeiten gegeben, solche Auswüchse zu verhindern. Nun ist er also da, der Nationalpark, aber irgendwie ist er auch keiner. Denn, bei aller Unbedarftheit des Begriffs, so ein paar internationale Definitionen gibt es eben doch. Und die wichtigste lautet: auf 75 Prozent der Fläche gibt es keine menschlichen Eingriffe mehr. Weil aber die internationale Nationalparkorganisation IUCN irgendwann erkannt hatte, dass sie nach dieser Definition bald nur noch eine Handvoll Mitglieder haben würde, hat sie das Ganze aufgeweicht. Und so ist denn auch unsere Sächsische Schweiz ein Nationalpark Typ II. Will sagen: ein Nationalpark in der Entwicklung. Oder, so wie ich es gern sage: wir basteln uns eine Wildnis.
    Nein, ein Nationalpark im Sinne seiner Erfinder war die Region noch nie. Seit mindestens 500 Jahren wirtschaftlich genutzt, seit mindestens 250 Jahren touristisch erschlossen, ist hier nicht mehr viel „echte“ Wildnis übrig. Wohl aber immer noch eine faszinierende, beeindruckende und herrliche Landschaft. Aus der eine Wildnis, oder besser: zu 75 Prozent eine Wildnis, zu machen, ist eine Illusion. Und es ist eine gefährliche Illusion. Weil dieser Illusion vieles geopfert wird, was wir normalerweise unter Naturschutz verstehen. Da werden eben Wälder gnadenlos und mit schwerster Technik durchforstet. Was übrig bleibt, könnte vielleicht mal zu einer Wildnis führen. Es könnte aber auch zu einer kahlen Schneise führen. Denn die Mechanismen in einem ökologischen System sind all zu mannigfaltig, als das man sie tatsächlich voraussagen könnte. Und so prophezeie ich jetzt schon: Eingriff Nummer eins (nur zum Guten der Natur), wird Eingriff Nummer zwei, und dieser wieder Eingriff Nummer drei nach sich ziehen. Und so weiter, die nächsten Jahrzehnte lang. Schon jetzt beobachten wir ja, dass Gebiete neu durchforstet werden, in denen es schon einmal so eine Durchforstung gab. Selbige damals natürlich „letztmalig“. Es ist ein frommer Traum, den hier einige träumen, und die diesen Traum dann leider auch ohne nach links und rechts zu schauen in die Realität umsetzen. Ihnen gehört von Seiten der Politik auf die Finger geklopft. Aber dann müsste es eben auch einen Politiker geben, der offen sagt, dass hier ein Nationalpark nichts zu suchen hat. Undenkbar, wo käme man denn da hin, beim Schwanzvergleich auf Länderebene.
    Was bleibt, ist reichlich Pessimismus. Ein Nationalpark ist das hier nicht – zu klein, zu lange und zu intensiv vom Menschen genutzt. Diesen dennoch so genannten Nationalpark abzuschaffen ist politisch kaum denkbar. Und einen richtigen Nationalpark draus machen – geht auch nicht, oder geht nur, wenn man die Natur, die man eigentlich schützen will, vergewaltigt. Mit ungewissem Ausgang. Ich weiß leider keinen Ausweg aus dem Dilemma. Mist.

  4. Spitzenbericht, emotional vielleicht ein klein wenig zu empört, aber sachlich immer noch korrekt und wirklich sehr gut geschrieben. Nicht nur informativ, auch unterhaltend. Besonders die Stelle „Im Hintergrund lauert der Harvester wie ein Menetekel der Macht, …“ . Aber Spaß beiseite.
    Die gestellte Frage sollte wirklich mal bedacht werden. Nicht nur „Wieviele kommen wegen des NP“, sondern auch „Wieviel mehr würden denn kommen, wenn es keinen NP gäbe?“ Kommen denn Leute nur weil die Landschaft NP genannt wird? Glaube ich nicht. Kämen mehr wenn kein NP wäre? Glaub ich auch nicht. Aber wer vom Tourismus leben will, der Würde Wege suchen, dass mehr kommen und da fragt sich, ob wäre es möglich wäre, ohne NP-Status die Landschaft vor den Auswüchsen des Massentourismus zu schützen. Wäre bestimmt irgendwie möglich, würde aber letztlich der gleiche Wein in anderen Schläuchen sein. Ich möchte eigentlich schon einen besonders geschützten Naturraum möglichst unbeeinflusst von menschlichen Gewinnstreben erhalten sehen. Und es darf auch gern Nationalpark heißen. Dieser, bzw. seine Planer und Lenker müssen sich nur aus ihrer verklemmten Schwarz/Weiß-Denkweise lösen und aufhören utopische Ziele in utopischen Zeiträumen anzustreben. Der unbedarfte Massentourist, vorher nicht informiert über Zusammenhänge, nur kurzfristig heißgemacht auf spektakuläre Naturerlebnisse, der stellt in der Menge tatsächlich ein gewisses Zerstörungspotenzial dar, nicht mit böser Absicht, einfach nur so. Aber der interessierte Pfadfinder, selbst wenn es ein paar100 davon gibt, der ist eher informiert und übt an den empfindlichen Stellen die nötige Vorsicht davon bin ich überzeugt. Das Nationalparkkonstruckt, mit den Rangern vor Ort, die im Wald mal Hinweise geben, wirkliche Verstöße auch ahnden oder Zusammenhänge erklären und fehlende Informationen verbreiten können, das finde ich durchaus nützlich. Ich finde den Ranger, zu Fuß im Wald unterwegs, immer sympathisch. Im dicken und auch noch unpraktischen und uncoolen Pseudogeländewagen eher peinlich. Inzwischen hat man doch jetzt das Gefühl, dass hier die gleiche Entwicklung im Gange ist, wie bei den Tempokontrollen auf der Straße. Da wird immer öfter dort geblitzt, wo am ehesten Geld zu verdienen ist, nicht dort, wo die Einhaltung der Geschwindigkeit besonders relevant wäre. Ist es nicht so, dass die Ranger öfters an die Stellen geschickt werden, wo man jemanden beim betreten oder verlassen der Kernzone abkassieren kann. Wäre es nicht besser, die Ranger würden sich öfter an den Schnittpunkten der Touristenmassen sehen lassen und dort aufklärend, ordnend und lenkend aktiv werden.

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