Die verlorene Karte

oberer Teil Ottendorfer Löcher

Im Jahre 1991 wurde ein Dokument im Safe der Nationalparkverwaltung eingeschlossen. Dieses Dokument befindet sich noch heute dort. Sein Text enthält Hinweise auf einen uralten Weg in einer niemals veröffentlichten Wanderkarte. Außerdem enthält das Schriftstück den Satz: „Irgendwo da draußen liegt sie vergraben.“

Wir glaubten bislang natürlich, dass es sich bei der erwähnten Karte um die niemals veröffentlichte, erste komplette Wanderkarte von Rolf Böhm handelt. Die Karte mit dem legendären Gratweg über die Thorwalder Wände wurde 1981 gezeichnet und gelangte wohl infolge der bekanntermaßen prekären Situation um Druckpapiere und -farben niemals zu einer größeren Druckauflage. Außerdem wurde der dargestellte Bereich des Gebirges, als für den Breitentourismus zu unbedeutend erachtet. Da waren Basteigebiet oder Schrammsteine natürlich von größerer Bedeutung. Die sehr raren Probedrucke werden heute zu Höchstpreisen gehandelt, aber meist durch Strohmänner der Nationalparkverwaltung aufgekauft, wo sie im besagten Safe verschwinden dürften.

Tiefe Spalten Ottendorfer Löcher

Ein Stiegenfreund, der hier nicht genannt werden möchte, konnte vor einiger Zeit, begünstigt durch Verbindungen in höchste Kreise der Verwaltungen von Nationalpark und Sachsenforst und durch Zusammentragen von zahlreichen Hinweisen aus verschiedensten Quellen das „Irgendwo da draußen“ näher lokalisieren.
Bei der anschließenden wochenlangen Suche in der Ottendorfer Flur, zwischen Vogelberg und Kühnberg, waren wir schließlich erfolgreich. Die Ottendorfer Löcher sind heute nahezu unbekannt, obwohl sie doch bestimmt bereits Alfred Louis Meiche erwähnte, der dort viele glückliche Kindheitsstunden beim Versteckspielen verlebt haben könnte. Es handelt sich um ein sehr kleines Felsenlabyrinth, ausgewaschen von dem heute nicht mehr regelmäßig fließenden Rinnsal zwischen den beiden Bergen. Und genau dort, in einem versteckten Winkel fand sich ein straff mit Wachstuch umwickeltes Papprohr. Ich durfte das Päckchen mit nach Hause nehmen und habe es längere Zeit ungeöffnet im beheizten Raum gelagert, damit sich der 28 Jahre alte Inhalt langsam akklimatisieren konnten.

Und nun (liebe Mitstreiter verzeiht mir meine Eigenmächtigkeit) konnte ich es nicht länger abwarten. Und ich sage euch – eine wirkliche Überraschung! Der Inhalt war nicht die erwartete „Wanderkarte Sächsische Schweiz Thorwalder Wände“. In der Rolle war eine, meines Wissens bisher noch nicht mal als Idee erwähnte, geschweige denn als existent vermutete „Nacht-Wanderkarte der Schweiz Thorwalder Wände“. Also das dürfte wohl eine absolut einmalige Sache sein, eine Weltneuheit quasi. Die Karte zeigt, bisher wohl auch erst einmal wiederholt, das bekannte Wandermädchen. Hier allerdings in einer Großdarstellung beim Steigen auf irgendwelchen Steigeisen. Es dürften die, inzwischen von der Nationalparkverwaltung demontierten, beim Entstehen der Karte aber noch vorhandenen Eisen im Adlerloch sein. Beim Rest der Karte war zuerst irritierend, dass sie sich außer der Titelvignette nahezu komplett schwarz zeigte. Die Erklärung liefert ein beiliegendes Schreiben, vermutlich als Hinweise für die Druckerei gedacht, wonach nur die Titelvignette im normalen Vierfarbdruck ausgeführt werden solle. Das eigentliche Kartenbild sollte mit einer sogenannten Signierfarbe auf den schwarzen Untergrund gedruckt werden. Bei normalem Tageslicht transparent und damit unsichtbar, hätte sie zur deutlichen Erkennbarkeit mit einer Schwarzlichtlampe angestrahlt werden sollen.
Damit dürfte auch klar sein, warum die Karte niemals erschien. Die erforderliche Farbe war in der DDR genau so wenig verfügbar, wie die Schwarzlichtlampen, die es zwar schon gab, aber erst durch Weiterentwicklungen beim LED-Licht praxistauglich und bezahlbar wurden. Hier war der Meister also der Zeit einfach zu weit voraus. Übrigens waren in der Rolle drei Exemplare der Karte und leider ist im UV-Licht nichts mehr zu sehen. Mal sehen, ob man damit trotzdem noch was anstellen kann.

10 Gedanken zu „Die verlorene Karte

    • Ja, mal sehen, da kommt jedenfalls noch was nach, aber dazu mehr irgendwann später. Dir aber auch einen Dank für die Idee, denn die Nachtwanderkarte hattest du ja in der Schmilkschen Mühle als Weiterentwicklung zur Winterwanderkarte vorgeschlagen 🙂

  1. Gut daß die Karte wieder da ist!! Nach dem verpixelten Beweisfoto bin ich in den Ottendorfer Löchern schon gewesen. Wohl im Vollrausch, ohne jegliche Erinnerung und könnte ohne Karte nicht mehr dahin finden,

    • Nicht OttendÖrfer… ernst bleiben 🙂 aber ja die Ottendorfer Löcher sind wirklich fast ganz vergessen. Aber frag mal Rolf dazu. Der hatte vor Jahren schon mal was dazu geschrieben und in den Tiefen seiner Webseite vergraben. Und er erwähnte auch den Meiche … aber es kann auch der Götzinger gewesen sein. Da bin ich unsicher

        • Tja, 🙂 da steht nun Aussage gegen Aussage … nein im Ernst jetzt:
          – was ich mal gelesen habe war der Anfang einer Geschichte
          – es war vor mehreren Jahren und es war irgendwo bei Rolf online mit noch 3-4 anderen vollständigen Kurzgeschichten
          – eine hatte irgendwas vom Innenleben eines Computers zu tun
          – und die Ottendorfer Löcher waren nur ein Fragment aus ein paar Sätzen
          – aber ein toller spannender Anfang
          – und ich habe die Aussage seit dem im Kopf kreiseln
          – ach… und während ich das schreibe fällt mir ein, das kann auch auf der Seite der Fernblickboofe oder bei einem der Bergsteiger aus dem Kreis um die Kletterfreunde mit denen Rolf halt zu tun hat

          • Da hilft nur eine Rekognoszierung.
            Ein Erkundungsgang im Gelände.
            Gehen wir alle jetzt auf Klassenfahrt?
            ….und Abends Lagerfeuer und Übernachtung in der Neumannmühle??
            🙂

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