Eine Tradition geht verloren

Das soll jetzt kein Bilderrätsel werden, aber schaut euch mal die Bilder an.

Nun, habt ihr es gesehen? Wahrscheinlich nicht, denn es geht um das, was man nicht (mehr) sieht.

Nur auf einem der Wegweiserschilder ist noch die traditionelle und sandsteintypische Entfernungsangabe in Gehzeit vorhanden.

Ich hatte erst vor wenigen Jahren auf einer IG-Wanderung im Sandstein/Erzgebirgsgrenzgebiet gelernt und war sehr verblüfft darüber, dass mir der Umstand noch nie aufgefallen war, dass normalerweise alle Wegweiser die Entfernungen in km ausweisen, aber im Sandsteingebiet als Gehzeit in Minuten und Stunden. Auch in den 2010 vom Sächsischen Landeskuratorium Ländlicher Raum e. V. herausgegebenen „Handlungsempfehlungen und Arbeitshilfen für qualitätsgerechte Wanderwege in Sachsen“ findet sich noch die Beschriftungsbeschreibung: „ … Die Entfernungsangaben erfolgen in km. Davon abweichend kann in der Sächsischen Schweiz und im Zittauer Gebirge die Gehzeit in „h“ und „min“ angegeben werden.

Auf der letzten Wanderung bemerkte ich nun, allerdings erst auf dem letzten Stück zwischen Mittelwinkel und Zahnsgrund, dass scheinbar bei den neueren Schildern nun gleich jegliche Entfernungsangaben weggelassen werden. Ich fürchte, das könnte sich im ganzen Gebiet ausbreiten. Warum nur? Wir hatten natürlich gleich wieder die allgegenwärtige Haftungsproblematik als alles erklärende Begründung zur Hand. Bestimmt haben in der Vergangenheit zahllose Reisende ihre Anschlussflüge oder den letzten Dampfer verpasst und infolge die Waldverwalter mit teuren Schadenersatzklagen überzogen. Denn natürlich waren die Gehzeiten von trainierten Wegwarten ermittelt worden und man muss schon die eigene Kondition in ein selbstkritisches Verhältnis setzen, um die eigene Ankunftszeit halbwegs abschätzen zu können. Das hatte mich früher oft geärgert, aber bald wusste ich, dass ich langsamer war und habe mich entsprechend eingerichtet. Nur der Weg vom Lichtenhainer Wasserfall hinauf zum Kuhstall schien mir schon vor Jahren so ausgewiesen, dass es den Kaffeespaziergängerdurchschnitt angepasst war, denn da war ich immer schneller oben.

Uns Stiegen- und Wanderfreunde wird das Fehlen der Gehzeiten wahrscheinlich wenig stören, weil wir die Entfernungen und Gehzeiten kennen, wenn wir denn mal auf den beschilderten Wegen unterwegs sind. Aber wie finden sich denn die gewöhnlichen Sonntagsausflügler zurecht? Nach all meinen Beobachtungen läuft von denen kaum einer mit Karte los, sondern richtet sich wirklich nach den Wegweisern. Die Zeitangaben wären dann doch sehr nützliche Hinweise, ob man zum Kaffee oder zum Abendbrot wieder in der Unterkunft sein könnte. Wir werden sehen, ob künftig die erschöpft Verirrten zunehmen, die dann wieder aus dem Wald gerettet werden müssen 😎

Aber auf jeden Fall ist es schade, wenn so eine sandsteinige Besonderheit heimlich verschwindet.

6 Gedanken zu „Eine Tradition geht verloren

  1. Ich war heute im Gebiet zwischen Rübezahlstiege und Poblätzschwänden unterwegs.
    Am Wegweiser am Abzweig des Lehnsteiges von Wurzelweg waren drei Schilder dran, und keines hatte eine Zeitangabe oder Kilometerangabe, wobei das eine das „Namensschild“ des Lehnsteiges war.
    An der Weggabelung Reitsteig/Wurzelweg waren sieben Schilder am Wegweiser, alle hatten eine Zeitangabe.
    In Schmilka an den Abzweigen habe ich nicht an das Nachgucken gedacht.
    Mehr Wegweisern bin ich nicht begegnet, da ich heute meist zwischen den Wanderwegen unterwegs war.
    Meine Auswahl ist natürlich nicht repräsentativ genug, um eine Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Das Thema ist aber interessant, deshalb werde ich das auch mal weiter beobachten.

    • Dafür sah ich einen Warnzettel in einer Boofe im oberen Bereich der „Auenhühner“ hängen, der vor der afrikanischen Schweinepest warnt.
      Wo wir doch gar keine Wildschweine mitnehmen dürfen🤔.

  2. In Tschechien gibts immer diese einheitlichen Blechschilder als Wegweiser, da steht die Entfernung zum nächsten Ziel in Kilometer drauf, da kann sich jeder selber ausrechnen, wie lange man mit seinem persönlichen Wandertempo braucht. Natürlich sollte man dazu noch in Betracht ziehen, ob es bergauf oder bergab geht. Manche, besonders Urlauber, haben da gar keine Ahnung, haben keine Karte bei sich, kennen keine Höhenlinien, sondern starren nur auf ihr Handy, und dort auf dem Display sieht alles flach aus. Wenn sie mich dann fragen, empfehle ich immer die Wanderkarten von Rolf Böhm und entferne mich zügig.

  3. Nanana! Ich finde es zwar auch schade und falsch und für weniger vorbereitete Ausflügler auch mit möglichen praktischen Nachteilen verbunden, aber ganz so viele Unterstellungen würde ich dann doch lieber vermeiden. DER Nationalpark macht solche Schilder meines bescheidenen Wissens nach nicht ganz alleine. Da gibt es schon noch einen gewissen wanderorganisatorischen Hintergrund.
    Vielleicht äußert sich jemand aus unseren Kreisen, der entsprechende Kenntnisse hat und Aufklärung geben kann?
    Ich wäre sehr gespannt, denn ich kann ohne Hilfe einfach keinen Vorteil in Wegweisern ohne Entfernungsangaben erkennen. Falls wir auf dem bequemen Weg keine Aufklärung bekommen, muss ich vielleicht doch mal direkt beim e. V. nachfragen.

  4. Jetzt ist das Thema auch mal dankenswerterweise von Andreas aufgeschrieben worden. Warum wird das jetzt wohl so gemacht, mit den Schildern?
    Gedankenlosigkeit? Ignoranz und Unkenntnis der Tradition?
    Es paßt aber nahtlos in das zwiespältige Erscheinungsbild des Nationalparkes.

  5. Danke für diese interessante Beobachtung, wäre mir auch nicht so schnell aufgefallen. Ob es wirklich sinnvoll ist, die Zeitangaben wegzulassen, kann ich nicht so aus dem Stegreif entscheiden. Ein Verlust von “Geschichte” ist es allemal.

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