Wie ich den Winter lieben lernte

Ich glaube, im vorherigen Beitrag hat Stiegenfreund Mstreicher ein schönes Thema zur rechten Zeit angesprochen. Natürlich hat jede Jahreszeit ihre eigenen Reize, Vor- und Nachteile, aber tatsächlich bietet die Winterzeit darüber hinaus Erlebniswerte, die im restlichen Jahr gar nicht zu haben sind. Viele Wanderfreunde werden das nicht wissen, denn Wandern geht man im Sommer und Herbst, vielleicht mal noch einen Frühlingsspaziergang und auch ich war früher dieser Meinung. Um zu einer anderen Ansicht zu gelangen muss man aber raus … und, dass ich vor ca. 10-12 Jahren in den Winter rausgegangen bin liegt an einem Beitrag auf Rolf Böhms Webseite…

… da ist die Rede von einer “Doppelsonne am Kipphorn”, eine relativ selten entstehende Konstellation der Sonne über dem Fluss, bei der man die Sonne als Spiegelbild im Fluss sehen würde. Nebenbei bemerkt spiegelt sich die Sonne natürlich in jeder Minute auf der ganzen Flusslänge … aber man muss eben auch genau dort stehen, wo die gespiegelten Strahlen hinfallen … und einer dieser nicht so zahlreichen passenden Punkte ist die Kipphornaussicht … jedenfalls an den Tagen um die Wintersonnenwende … also muss man da im Winter mal hin.

Aber als dann der erste Termin anstand lag so viel Schnee im Gebirge, dass ich damals noch Angst hatte in verdeckte Spalten zu stürzen … wie der Kommentator Kai im vorherigen Beitrag auch meinte … weil doch die Wege nicht mehr zu sehen wären … und habe den Besuch auf das nächste Jahr verschoben 😊 Ja ja, lacht ruhig, ich wusste es eben noch nicht besser.

 Inzwischen weiß ich, dass die Hauptwege immer gut sichtbar sind, weil schon von vielen anderen begangen, denn die Einheimischen wissen nicht nur die Wege zu finden, sie nutzen auch den gegebenen Luxus als Erste eine Spur durch den jungfräulichen Schneewald zu ziehen. Eher wird die starke Begehung zum Problem, weil sich dadurch schneller Eis bildet. Da auch die Neben- und Nebennebenwege schon begangen sein werden, findet man versteckte Pfade im Winter sogar leichter als sonstwann. Inzwischen hatte ich mehrere Versuche am Kipphorn, aber leider noch nie den vollen Erfolg. Denn neben der richtigen Stelle zur richtigen Zeit müssen natürlich auch die Wolken der Sonne den Durchblick erlauben. Aber aus Böhmen weht zu dieser Jahreszeit oft ein giftig kalter Wind und der schiebt auch meist dicke Wolken zusammen. Einmal hatten wir zwar eine ausreichend große Wolkenlücke … aber aufgrund einer noch auszulöffelnden Soljanka im Winterberghaus waren wir ca. 20 Minuten zu spät. Also weiterversuchen.

 Etwas bekanntere Erlebniswerte dürften wohl schon die Eiszapfen und ähnliche Gebilde sein, die an vielen Stellen an Wänden und Überhängen entstehen und teilweise beachtliche Größen und skurrile Formen entwickeln können. Als wir 2012 in der Absicht aufbrachen, uns im Polenztal mal in der Gautschgrotte diesbezüglich umzusehen, wussten wir noch nicht, dass wir den seit Jahren größten Eiszapfen zu sehen bekommen würden. Mit ca. 22 m war es auch ein beträchtliches Gebilde und vom Boden wuchsen ihm ebenso ungewohnte Gebilde nach oben entgegen. Diese Wanderung wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Nicht nur wegen des Riesenzapfens. Sondern auch die -23°C beim Start waren erlebenswert, wie das Knistern in der Nase, das unbeschreibliche Funkeln der Milliarden Eiskristalle, die vom strengen Frost aus der Luftfeuchtigkeit an alle Halme, Zweige und Gegenstände gezaubert worden waren. Überhaupt ist ja die Winterluft meist klarer, die Sonne strahlender und der Himmel blauer als sonst im Jahr. Auf einer späteren Runde im gleichen Gebiet haben wir einen weiteren vorteilhaften Nebeneffekt einer Schneedecke erkannt und warten seitdem auf Wiederholungen. Denn wenn der Schnee dick genug und nicht gerade absolut pulverig ist, dann kann man im Gelände an Stellen den Hang hoch- wie runter steigen, wo es ohne Schnee schlicht zu steil und zu glatt ist. Man tritt sich einfach die nötigen Stufen und steigt vorsichtig voran. Falls es doch mal rutscht fällt man etwas weicher und kann notfalls auch weiterrutschen. Bei richtigem Frost bekommt man übrigens auch keine nassen Füße.

 Schön ist auch, dass es im Winter, trotz kürzerer Tage, generell heller ist. Selbst in die finstersten Gründe kann endlich mal die Sonne reingucken, denn oben sind die Blätter weg und unten reflektiert der schneebedeckte Boden das Licht. Ja ja, neuerdings sind auch die Nadeln weg und auch im Sommer, aber das ist ein anderes Thema. Und wenn mal so richtig Schnee in dicken Dekowürsten oben auf den Ästen liegt, dann wird es nicht nur spannend, auf dem Weg darunter zu gehen, weil immer mal große Flatschen herunterfallen, den Wanderer einzuckern und Glitzerwolken in der Luft hinterlassen, sondern man wird auch eine geradezu magische Stille erleben. Denn Schnee ist einerseits ein luftig/lockeres Etwas und hat andererseits eine recht große Masse … das ergibt einen unglaublich guten schalldämmenden Effekt. Man wird die wenige Meter entfernten Gespräche der Kameraden kaum noch hören und auch alle Umweltgeräusche dämpfen sich zu einer wahrhaft therapeutischen Stille. Vielleicht auch dadurch begünstigt hatten wir schon mal eine Begegnung mit einem Mufflon. Der Wind stand wohl gegen uns und unsere Gespräche wurden vom Schnee verschluckt. So kam der Bock gedankenverloren gemächlich den Hang herunter, wollte auf dem bequemeren Weg in der Weberschlüchte weiter talwärts und bemerkte uns erst in 20 m Entfernung. Er war wohl auch der Meinung, dass Wanderer doch im Winter nichts da zu suchen hätten, guckte uns einige Momente ungläubig an und war dann wieder mit wenigen Sprüngen im Schnee verschwunden.

Schöne Erlebnisse alles. Auf Glatteis muss man natürlich achten und gegebenenfalls auch die Route ändern oder umkehren, aber die klare Luft, der blaue Himmel, die oft strahlende Sonne, die veränderte Begehbarkeit im Gelände und leichte Erkennbarkeit der Wege und die vielen kleinen Naturdetails machen einen Winterausflug immer zu einem tollen Erlebnis. Am meisten natürlich mit Schnee. Und da fällt mir noch ein: Auch wenn die Landschaft nur hauchdünn mit Schnee überzuckert ist ergeben sich wunderbare neue Anblicke. Denn die Felsstrukturen heben sich dann so plastisch hervor, wie es im normalen Tageslicht nur bei ganz bestimmen Lichtwinkeln zu erkennen ist. Schlussendlich ist es auch angenehm, dass man keine verständnislosen Blicke mehr bekommt, wenn man sich eine Kanne Glühwein heiß macht.

Also ich habe den Winter lieben gelernt und warte auf Schnee …. Und Ausgangserlaubnis.

Und natürlich machen wir hier keine Werbung … aber ein kleines Filmchen für wehmütiges Erinnern muss schon erlaubt sein … seufz!

5 Gedanken zu „Wie ich den Winter lieben lernte

  1. Ach ja, wenn Erzgebirgler vom Schnee träumen, dann wird’s schön und noch ein Glühwein dazu, da ist die Welt in Ordnung.
    Nur nicht bei richtig Schneefall den Winterberg als erster hoch, das ist dann eher wie der letzte Fußkranke bei der großen Völkerwanderung.
    Also ich tu mir‘s auch wieder an.
    Danke Andreas, Du romantischer!

  2. Super Beitrag. Danke Andreas . Bei solch einer Frost und Zapfentour hatte ich mein Handy auf dem Parkplatz in Hohnstein verloren. Der Wirt von der Rußigmühle hats dann gefunden und mittels Wahlwiederholung uns benachrichtigt. Fand ich toll.
    Übrigens: In der Rußigmühle gibt es nicht nur Spitzensteaks. Der Garten um die Mühle herum wird von der Wirtin mit viel Liebe und Geschick gestaltet und gepflegt. 🙂

  3. Naja, Kuhhorn. Das klingt ja auch schon wie JWD. Ich weiß gar nicht wo das wäre. Und was die Blicke angeht … ich mag ja einen Glühwein in der Natur zu jeder Zeit, überbrücke deshalb auch mal mit Kaffeekochen, und warte eigentlich nur, dass es endlich kalt genug wird, um wenigstens eine allgemein nachvollziehbare Begründung für Glühwein zu haben … und jaaa, es geht zu mindestens 60% um das Anwerfen des Kochers. Man könnte bequemer und unauffälliger den Glühwein aus der Thermoskanne mitbringen … aber nööö! Das wäre mir extrem unangenehm. Es ist ja schon ein großes Entgegenkommen von mir, dass ich auf das Holzfeuer verzichte und einen schnöden Raketenmotor zum Vororterhitzen benutze. Der Lärm stört natürlich, aber schöner Nebeneffekt ist, dass man die Ruhe nach dem Kochen als besonders ruhig empfindet.

    • Kuh-Horn ist als alte Flurbezeichnung auf der RB-Karte verzeichnet. Es ist ein relativ ebene Plateau oberhalb des Kirnitzschtales, gelegen zwischen Hohweg, Janslochweg und Schleusenhornweg. In historischer Zeit führte hier über den Krummhermsdorfer Weg eine wichtige Wanderverbindung vom Hohweg hinunter zur Schönlinder Brücke mit Anschluss zum Kerbensteig und zum Roten Floß.
      Auf dem Kuhhorn sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“. Ich gelangte nur zufällig dahin, weil ich aus dem Kirnitzschtal zu früh abbog und anstatt ins Jansloch (welches ich damals noch nicht kannte) auf den Rotkehlweg gelangte und mich an der nächsten Verzweigung wieder rechts hielt…
      Bogenschlag zurück zum Thema Winter: Die Lektion habe ich damals gelernt: Winterwanderungen sind sehr schön. Man sollte aber keine Erkundungen weit abseits markierter Wege und noch dazu in völlig unbekanntem Gelände machen. Das kann wirklich schief gehen.
      Noch eine weitere wichtige Erkenntnis zog ich aus der damaligen Tour: Eine Winterstapftour im Schnee ist deutlich anstrengender als die gleiche Tour im Sommer. Das muss bei der Planung unbedingt berücksichtigt werden. Bei der damaligen Tour brachte ich mich nicht nur psychisch, sondern auch kräftemäßig in meinen Grenzbereich.
      Also lieber etwas mehr Zeit einplanen und am besten in bekanntem Gelände bleiben. Dann macht es auch Spaß. 🙂

  4. Ein schöner Beitrag ist es geworden! Die schönen Bilder zeigen die ganze breite Palette des Winterzaubers. Schnee, Eiszapfen und bizarre Reifgebilde.
    Im Winter waren wir auch früher schon draußen aktiv. Aber die Sandsteinsaison war auch für mich lange Zeit auf Sommer und Herbst beschränkt. Meine erste richtige Winterwanderung mit nennenswerten Schneemengen fand erst im Januar 2015 statt. Das hätte gleich mal richtig schief gehen können. Bei gleichmäßig dunkelgrauem Himmel mit eintönigem Nassschnee-Gegriesel verlor ich auf dem Kuhhorn im Hinterhermsdorfer Revier die Orientierung. Ich habe es damals tatsächlich geschafft, im Kreis zu laufen und meine eigene Spur wieder zu finden. Heute kann ich darüber schmunzeln, aber damals war dieser Moment nicht besonders lustig für mich. Es war ein Montag und schon bald 14Uhr, das Tageslicht also begrenzt. Nach dem ersten Schrecken, wo mir ganz komisches Zeug durch den Kopf ging, gelangen mir wieder klare Gedanken. Ich fand den Ausweg aus „meinem Kreis“. Warum schreibe ich das? Mir wurde damals schlagartig klar, dass Winterwanderungen zusätzliche Vorbereitungsmaßnahmen erfordern, was die Ausrüstung betrifft. Das begrenzte Tageslicht erfordert vor allem eine großzügige Zeitplanung.
    Mit diesen Erkenntnisse wurden alle weiteren bisherigen Wintertouren im Elbi deutlich entspannter. Ob mit oder ohne Schnee, ich konnte nun die vielfältigen Eindrücke genießen. Und seit dieser Zeit ist auch bei mir ganzjährig Saison im Elbsandstein.

    Was ich gar nicht verstehen kann: verständnislose Blicke, wenn sich jemand eine Kanne Glühwein heiß macht. Also von mir wirst du dabei niemals verständnislose Blicke ernten. Vor allem dann nicht, wenn ich zu deiner Wandergruppe gehöre. 😀

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