Baumartenstreit im Nationalpark (2) – die Datenlage

Wie versprochen habe ich ein wenig im Internet recherchiert und bin auf einige interessante Beiträge zum Thema Baumarten und Klimawandel gestoßen – allerdings sind diese teilweise nicht ganz aktuell oder undatiert gewesen. Aber sei es erstmal drum … aus zweien möchte ich hier Auszüge darstellen.

Die erste Untersuchung stammt aus heimatlichen Gefilden von Prof. A. Roloff und B. Grundmann aus Tharandt, verfasst bereits 2008. Angereichert mit ein paar Daten aus der Schriftenreihe des NP.

Hier wurden zum einen Frostresistenz (Winter- und Spätfröste) und zum anderen Trockenresistenz untersucht. Letzteres braucht ja nicht näher erläutert zu werden; Frostresistenz ist aber ebenfalls wichtig, da in unseren Breiten auch künftig durchaus noch Fröste zu erwarten sind, wenn auch vielleicht nur noch selten – aber ein Zitronenbäumchen würde wohl auch einen Nachtfrost von -5°C nicht überstehen. Besonders empfindlich gegen Winterfrost zeigt sich die mediterrane Flaum-Eiche; gegen Spätfröste ist eine ganze Reihe von Bäumen empfindlich, dazu gehören sogar einheimische Arten wie die Rotbuche, die Weißtanne und die Gemeine Esche sowie z.B. Edel-Kastanie (Marone), Walnuss, Wildapfel und -birne, Zerr-Eiche.
Was sagen unsere einheimischen Hauptbaumarten zu Trockenheit? Die Fichte (Anteil in der Sächsischen Schweiz 1995: 46,2%) ist extrem anfällig, das ist bekannt und inzwischen auch zu sehen. Künftig ist sie wohl nur noch in den Kammlagen der Mittelgebirge und vielleicht in den feuchteren Schlüchten des Elbsandsteins zu finden. Sie wächst normalerweise in Lagen von 1200 bis 1700 Meter bei JN > 1000 mm (!) und eher kühlen Temperaturen. Stiel- und Traubeneiche haben tiefe Pfahlwurzeln und sind deshalb gut an trockene Standorte angepasst – sind aber bislang im Elbsandstein nicht so verbreitet (Anteil: 2,8%). Wegen ihrer Lichtbedürftigkeit haben sie einen deutlichen Wachstumsnachteil gegen Buche und Fichte. Auch die Waldkiefer (Anteil: 14,9%) ist sehr trockentolerant – nicht umsonst wachsen in den deutschen „Sandbüchsen“ vorrangig Kiefern und Eichen. Differenziert muss die Rotbuche (Anteil: 11,8%) gesehen werden. Diese wächst auch derzeit schon bestandsbildend außerhalb ihres Optimums, ein weiteres Vordringen auf trockenwarme Kalkstandorte wird beobachtet. Allerdings kann sie längere Trockenphasen nicht tolerieren – wie letztes Jahr an vielen Standorten zu sehen war (JN > 600 mm erforderlich). Perspektivisch wird sie wohl an schon jetzt trockenen Standorten wieder verschwinden. Die Rotbuche ist vor ca. 5800 Jahren aus Südosteuropa eingewandert und die damit die jüngste „heimische“ Baumart.
Zusatzinfo: weitere Baumanteile: Birke 12,9%, sonst. Laubbäume 3,8%, fremde Laubbäume 1,4%, fremde Nadelbäume 6,2%. Quelle: Der Wald im Nationalpark Sächsische Schweiz, Schriftenreihe Heft 7

Aus der Zusammenfassung möchte ich nun die Arten nennen, die sich für eher trockene Standorte qualifizieren. (Die Einteilung nach Feuchte erfolgte in 4 Stufen, ich erwähne hier nur die beiden trockenen.) Für trockene und sehr trockene Standorte – dazu gehören sicher auch viele Flächen im Elbsandsteingebirge – werden als geeignet bezeichnet: Feld- und Spitzahorn, Sandbirke (Pionierbaum), Hainbuche, alle Kiefernarten, Zitterpappel (Pionierbaum), Vogelkirsche (Pionierbaum), Traubeneiche, Robinie, Mehlbeere, Speierling, Elsbeere und Winterlinde.
Für mäßig frische bis mäßig trockene Standorte werden empfohlen: die gerade genannten + Bergahorn, Europ. Lärche, Zirbel-, Schwarz- und Waldkiefer, Traubenkirsche, Roteiche, alle Sorbus-Arten (Vogelbeere & co), Eibe und Sommerlinde.
(kursiv: europäische Arten, aber nicht in Deutschland beheimatet, unterstrichen: amerikanische Arten)
Es müssten also quasi Fichte, Tanne und Rot-Buche komplett ersetzt werden, mithin 58% aller Bäume …

Die zweite Untersuchung stammt von der Forstlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg aus dem Jahr 2018 – eine Metastudie (Zusammenfassung aus anderen Studien). Hier werden viele Arten, hauptsächlich fremdländische, sehr detailliert beschrieben – ich werde mich nur auf die erwähnten heimischen oder bereits eingebürgerten wichtigen Arten und die wichtigsten Kennzeichen konzentrieren. Vorher aber noch als Anker die Niederschlags- und Temperaturzahlen der Elbsandstein-DWD-Wetterstation Lichtenhain-Mittelndorf:

Zeitraum / Jahr Jahresniederschlag (JN) mm Mitteltemperatur (MT) °C
Referenz 1981-2010 839 8,4
2019 730 (87%) 10,3
2018 479 (57%) 10,35
2017 914 (109%) 9,1
2016 929 (111%) 9,1
2015 751 (89%) 9,9
2014 603 (72%) 10,0

1. Spitz-Ahorn (Acer platanoides), Herkunft eurasiatisch
750-950 mm Jahresniederschlag, Mitteltemperatur von 6,0 … 10,5 °C, Kältetoleranz bis -30 °C, Lichtbaumart, profitiert von Stickstoffeinträgen in den Boden, trockentolerant – bis zu 2 Monaten bei allerdings hoher Luftfeuchte, resistent gegen Sturm- und Schneebruch

2. Sand-Birke, Hänge-Birke (Betula pendula), Herkunft europäisch
anspruchslose Pionierpflanze, JN 400-2000 mm, MT -2 … +13 °C, KT -35°C, benötigt hohe Luftfeuchte und toleriert plötzliche Trockenheit nicht, hohe Sturmanfälligkeit, niedrige Schneebruchanfälligkeit

3. Hainbuche (Weißbuche, Carpinus betulus), Herkunft europäisch
JN 500-1400 mm, MT 5 … 15 °C, KT -30 °C, Halbschattbaum, erträgt lange Trockenheitsphasen, sturmsicher, in belaubtem Zustand aber Schneebruchgefahr; leistet wichtige ökonomische und ökologische Funktionen!

4. Edelkastanie (Echte Kastanie, Marone, Castanea sativa), Herkunft Ost-Mediterran
JN 400-1600 mm, MT 8 … 15 °C, KT -18 °C, Pionierbaumart, wird als wichtige Baumart für den Klimawandel eingeschätzt, ist aber stark pathogengefährdet (schädlingsanfällig) und dürreanfällig, sturmbeständig; wächst z.B. in Hrensko und Dresden

5. Vogelkirsche (Süßkirsche, Prunus avium), Herkunft europäisch
JN 400-1400 mm, MT 5 … 15 °C, KT -29 °C / Hitzetoleranz +41 °C, Pionierbaumart und Edellaubbaum, könnte ebenfalls eine große Rolle in der Zukunft spielen (auch als Bienenweide!), ist trockentolerant, allerdings dann mit Wuchsproblemen, fehlt jetzt schon in Gebieten mit mehr als 3 Trockenmonaten

6. Roteiche (Quercus rubra), Herkunft östl. Nordamerika
JN 760-2030 mm, MT 4 … 16 °C, KT -41 °C, mittlere Schattentoleranz, ist bereits recht lange in Europa eingebürgert und wird als potentielle Art für die Anpassung des Waldes an den Klimawandel angesehen, die Dürretoleranz ist herkunfts- (provenienz-)abhängig recht unterschiedlich, sturmfest außer auf flachgründigen Böden, Schneebruch wird vereinzelt beobachtet,
Zusätzliche Anmerkung: Die Fortpflanzungs- und Ausbreitungsgeschwindigkeit erscheint mir nicht so dramatisch wie vom NP geschildert. Roteichen fruktifizieren erst ab dem 50. Lebensjahr und dann nur alle 2 bis 5 Jahre, die Keimfähigkeit ist mit 1% sehr gering – die meisten Eicheln werden von Tieren gefressen; die Sämlingsmortalität ist hoch durch starken Wildverbiss.

7. Robinie (Robinia pseudoacacia), Herkunft östl. Nordamerika
JN 400-1600 mm, MT 7 … 16 °C, KT -, sehr expansive Art durch Verbreitung über Samen und Wurzeln, sehr anpassungsfähig und anspruchslos, tolerant gegen Hitze und Trockenheit, aber anfällig gegen Sturm- und Schneebruchanfälligkeit

8. Elsbeere (Sorbus torminalis), Herkunft südeuropäisch
JN 700-1500 mm, MT 10 … 17°C, KT -34°C, eine der anpassungsfähigsten Baumarten, kann auf trockenen Standorten mit Rotbuche und Eiche konkurrieren, lichtbedürftig bis schattentolerant, sturmfest, wächst überwiegend auf Kalkstandorten

9. Winter-Linde (Tilia cordata), Herkunft europäisch
JN 700-950 mm, MT 7 … 11,5 °C, KT -45 °C / Hitzetoleranz +44 °C, licht- bis schattentolerant, mittlere Dürretoleranz, sturmfest, wenn belaubt schneebruchgefährdet; gilt als Schlüsselbaumart für die Stabilität und Diversität des Waldes

Kleines Fazit dazu: alle genannten Arten scheinen für das Elbi geeignet zu sein, wenn auch immer „irgendwas“ ist, also nicht ganz passt. Nobody is perfect sozusagen. Als bunt gemischter Wald aber sicher eine gute Lösung, weg von den bisherigen Monokulturen aus Fichte und Rotbuche. Und auch die amerikanische Roteiche kann da mit dabeisein – die Entscheidung, die Rodung des Bestandes nahe Schmilka abzusagen, kann nur hier nur begrüßt werden.

Auf ein Neues!

endliche Weiten

Allen Siegen- und Wanderfreunden ein erlebnis- und erfolgreiches Neues Jahr! Geht hinaus, sucht und findet und erhaltet damit die Wege in den endlichen Weiten! Nicht aufgeben, auch wenn’s mal eng wird, aber kommt immer gesund wieder heim!

Wir wissen noch nicht, was das Jahr alles bringen wird. Aber für einen Blick in die Zukunft empfehle ich „Die Zukunft der Arten“ von Josef H. Reichholf.

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Zum 4. Advent ein Kapellenbesuch

Zum Schluss gibt’s noch einen Wohlleben und auch, wenn Kritiker des schreibenden Försters u.a. meinen, dass „ … „Das geheime Leben der Bäume“ die Grenze zwischen Fakten und Mutmaßungen verwische und weder als Wissenschaft noch als Populärwissenschaft gelten könne. …“ wollen wir uns lieber darauf stützen, dass „ … Wohlleben dagegen behauptet, seine Beobachtungen und Erkenntnisse seien mit Quellenmaterial unterfüttert … „. (beide Zitate = Wikipedia). Denn auch im Buch „Der Wald“ schreibt Wohlleben vieles, was wir genau so hören wollen. Ein Wald ist mehr, als eine Nutzholzplantage und die meisten, fast alle Wälder, sind heute nur noch Plantagen und werden genauso behandelt. Und das sehen wir selbst im Wald und ärgern uns darüber. Da nimmt man gerne eine gleichlautende prominente Meinung zur Kenntnis. Deshalb mögen sich die Fachleute streiten. „Der Wald“ ist unterhaltsam und ich glaube nicht, dass man vom Lesen dümmer wird. Weiterlesen

Bürgergespräch im Nationalpark

Wegen der viel kritisierten Roteichen – Fällaktion am Elbleitenweg bei Schmilka lädt der Nationalpark zu einem Bürgergespräch vor Ort ein.

Treff ist am kommenden Samstag, 14.12., 10 Uhr, an der Nationalpark-Infostelle in Schmilka.

So ein Bürgergespräch ist natürlich zu begrüßen. Es macht aber wenig Sinn, wenn die Bürger dabei nur von der Auffassung der NPV überzeugt werden sollen und die Eichen danach doch gefällt werden. So ein Gespräch muss ergebnisoffen geführt werden und sollte dann auch dazu führen, dass Entscheidungen auch mal zurückgenommen werden.

Wir sind also gespannt.

Hier der Link zur Einladung.